Das Ende des OSgrid steht bevor

In OpenSim wird eine Ära zu Ende gehen: Am Silvesterabend 2026 um Mitternacht wird das OSgrid für immer abgeschaltet. Der Grund: ein Angriff, dessen Folgen nicht rückgängig zu machen sind.

Das OSgrid

Das OSgrid ist das älteste noch existierende OpenSim-Grid. Es wurde im Juli 2007 als erstes öffentliches Grid überhaupt gestartet und ist damit eins von nur noch zwei Grids aus den 2000ern. Es war im Grunde immer der Inbegriff für OpenSim. Vor allem für diejenigen, die dezentrale Netzwerke nicht verstehen, ist das OSgrid OpenSim, bis sie verstehen, daß es auch noch andere Grids gibt, die mit dem OSgrid verbunden sind.

Dadurch wurde das OSgrid auch zum zeitweise größten Grid mit den meisten aktiven Avataren. Erst in jüngster Zeit wurde es von den Wolf Territories überflügelt. Zugegeben, das kam auch daher, daß der im Februar 2025 angekündigte Asset Reset und keinen Monat später die kurzfristige Abschaltung zum Neuaufbau des Asset-Server viele OSgrid-Bewohner in die Wolf Territories getrieben hat.

Von den sechs ältesten Grids, die es 2020 noch gab, als ich nach OpenSim kam, sind heute nur noch drei übrig. Das FrancoGrid von 2010 fiel im März 2022 einem Serverausfall zum Opfer, und aktuelle Backups gab es nicht. Das einstmals legendäre Metropolis Metaversum von 2008 fand sein Ende am 5. Juli 2022 – nach etwa zweijährigem Siechtum aus Desinteresse der Admins, die es nicht einmal für nötig hielten, den angekündigten Abschaltungstermin einzuhalten. Das 3rd Rock Grid, zu dem Zeitpunkt das drittälteste Grid, wurde im Mai 2024 geschlossen, weil es nicht mehr administrierbar war – klingt komisch, ist aber so. Große Teile davon überleben heute in ZetaWorlds. Und so gibt es von den sechs nur noch das OSgrid von 2007, AnSky von 2008 und Dorenas World von 2010.

Die Situation

Wie sich erst jetzt herausstellte, wurde das OSgrid auf eine Weise angegriffen, die in OpenSim bisher nicht als Angriffsvektor wahrgenommen wurde: mit einem IAR-Upload, der eigentlich dazu dient, ein woanders gesichertes Inventar zurückzuspielen. Ganz offensichtlich handelte es sich in diesem Fall aber nicht um ein tatsächlich in einem Grid – schon gar nicht im OSgrid – erzeugtes Inventararchiv, sondern um maschinell erzeugte Zufallsdaten. Entweder wurden sie eigens für diesen Zweck generiert und als IAR-Datei gespeichert, oder sie wurden von einem externen Rechner in Echtzeit generiert und ins OSgrid gepumpt. Angesichts der Datenmengen, über die wir hier reden, tippe ich auf das Letztere; außerdem scheint der Angriff noch nicht vorbei zu sein, und der Angreifer pumpt weiterhin Daten ins Grid.

Laut OSgrid-Admins ist der in 19 Jahren historisch gewachsene Asset-Server, dessen Größe vor dem Angriff bei 5 TB lag, innerhalb von weniger als einem Jahr auf 17 TB angewachsen. Schon vorher waren nicht alles intakte und aktiv genutzte Assets, aber jetzt sind das 80% unbrauchbarer Datenmüll. Die inventoryitems-Datenbanktabelle war vor dem Angriff 3 GB groß – jetzt sind es 139 GB. Eigentlich kann der Assetserver des OSgrid überschüssige Daten durch Deduplizieren reduzieren, also doppelte Assets zusammenfassen. Von diesem Datenmüll ist aber nichts deduplizierbar. Der Datenmüll müßte händisch entfernt werden, und dafür ist es viel zuviel.

Nach dem 2025er Neuaufbau des Assetservers und vor dem Angriff konnte der Assetserver des OSgrid binnen zehn Minuten gesichert werden. Jetzt dauert ein Backup einen halben Tag.

Über die Hintergründe für den Angriff gibt es nicht einmal Spekulationen.

Die Folgen

In diesem Zustand ist an einen dauerhaften Weiterbetrieb des OSgrid nicht mehr zu denken, jedenfalls nicht, wie es jetzt ist. Das OSgrid-Board sieht nur zwei Möglichkeiten. Die eine ist, das OSgrid in ein kommerzielles, geschlossenes Grid ohne Hypergrid-Anbindung umzuwandeln. Das kommt nicht in Frage. Die andere – auch wenn es schwerfällt – ist, das OSgrid nach all den Jahren abzuschalten.

Das Perfide ist nun: Man kann im Grunde aus dem OSgrid keine Inventare mehr als IARs sichern. Das heißt, man kann sie sichern, aber kein Grid ist mehr willens, IARs zu importieren, egal woher, und aus dem OSgrid schon gar nicht. Viele Grids sollen auch den Import von OARs, also gesicherten Sims, gestoppt haben, und zwar egal woher. Siehe die Kommentare zu diesem Post auf OpenSimWorld.

Gleichzeitig werden aber – hoffentlich – viele OSgrid-Bewohner ein neues Zuhause suchen mitsamt ihren Sims.

Es ist fast schon Ironie des Schicksals: Das OSgrid selbst ist zum Zufluchtsort einiger Überlebender anderer Grid-Shutdowns geworden. Dieses Jahr hat Walter Balazic sein Littlefield Grid abgeschaltet und die Sims, deren Eigentümer noch aktiv waren, auf einem neuen Server ans OSgrid angebunden. Gerade habe ich erfahren, daß er wieder ein neues Grid starten wird; das heißt, so Orte wie Ruritania, Coney Island oder das von Frank Lloyd Wright inspirierte Mill Run werden höchstwahrscheinlich überleben. Ob aber die letzten übriggebliebenen Sims aus dem Metropolis Metaversum, Condensation Land und LibDescent, nächstes Jahr noch existieren werden, muß angezweifelt werden.

Weil das OSgrid so alt ist und entsprechend auch uralte eigene Sims hat, ist es die einzige Quelle für sehr viel exklusive legale Inhalte. Sofern diese nicht gesichert und anderswo angeboten werden können, wird die Abschaltung des OSgrid ein herber Schlag für diejenigen sein, die gezielt nach legalem Content suchen, ganz besonders Kleidung und Avatarausstattung. Vor allem wer einen der BoM-fähigen Bodys aus der Ruth2-Familie nutzt, ist ja in einigen Bereichen angewiesen auf Layerkleidung, die man immer schwieriger bekommt. Aber auch Make-up, das in und für OpenSim gemacht und noch für SLUV und noch nicht für das eigentlich für Second Life exklusive EvoX gemappt ist, ist in jüngeren Grids nicht zu bekommen.

Shopping-Tips, solange es sie noch gibt:

Generell sollte man sich aber beeilen und nicht bis zur letzten Minute warten. Das OSgrid ist nicht dafür bekannt, angekündigte Termine einzuhalten.

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